Zeitreise beim Backen im Advent

Ich mache das nur einmal im Jahr – Plätzchen backen. Wahrscheinlich benötige ich auch ein komplettes Jahr, um die Strapazen dazu wieder zu vergessen. Das ganze Jahr über backe ich nicht einen einzigen Keks. Doch kurz nach dem ersten Advent beginne ich mit einer Art Backmarathon. Am Ende des Tages habe ich selbst den Duft eines Plätzchens angenommen und der Ofen war stundenlang in Betrieb. Dafür nehme ich mir sogar Urlaub. Verrückt!

Inzwischen beschränke ich mich nur noch auf vier Rezepte wovon eines dann in drei Varianten gebacken wird und die anderen drei gleich in der doppelten Menge. Das dauert seine Zeit. Dieses Jahr hatte ich die Hoffnung, dass mich vielleicht das Backen in weihnachtliche Vorfreude versetzen könnte. Denn alles andere für dieses Gefühl findet ja bedauerlicherweise gerade nicht statt: kein Weihnachtsmarkt, keine Weihnachtsfeier (nur digital – interessantes neues Format und ohne Kekse für die Kollegen), kein Besuch bei Freunden oder der Duft von gebrannten Mandeln… Leider hat mich das Backen nicht in Weihnachtsstimmung versetzen können, auch nicht mit Weihnachtsmusik beim Teigkneten.

Doch meine Plätzchen lassen mich jedes Mal auf’s neue eine kleine wunderschöne oder teilweise auch sentimentale Zeitreise machen. Wie geht das? Jedes Rezept steht für einen Abschnitt in meinem Leben, für Menschen die mich begleitet haben, für Dinge die ich erlebt habe und nie wieder vergessen möchte. Spot an für die persönliche Note:

Plätzchen aus Backpulverteig (Kindheitserinnerungen)

Absolut simpel aber eines meiner Lieblingsrezepte und das Erste, was wir als Kinder zusammen mit unserer Mom gebacken hatten. Wenn ich den Duft des fertigen Teiges rieche, den Teig knete und aussteche, reise ich zurück und sehe mich als Sechsjährige. Mein jüngerer Bruder und ich stehen neben ihr in der Küche und sehen voller Begeisterung zu, wie sie die Zutaten abwiegt. Manchmal dürfen wir auch schon selbst abwiegen. Dann siebt sie Mehl und Backpulver in eine Schüssel, gibt Zucker, etwas Salz, Vanillinzucker, ein Ei und Milch hinzu. Nach dem kneten erklärt sie uns, wie der Teig nicht anklebt, wenn man ihn ausrollen möchte und worauf wir achten müssen, damit er gleichmäßig dick wird. Dann dürfen wir mit unseren Lieblingsmotiven die Plätzchen ausstechen. Ausrollen und Ausstechen geht solange, bis der Teig komplett alle ist. Früher haben wir sogar noch vom rohen Teig genascht. Heute machen wir das nicht mehr. Verziert haben wir damals nur mit etwas Eigelb. Unsere Plätzchen wollten wir immer dick und weich haben. Genauso backe ich das heute noch. Sie sind schön soft. Im Gegensatz zu früher wird der Teig heute aber mit allerlei Sonderzutaten etwas moderner gestaltet und je nach Variante angereichert mit: Vanille, durch Tonkabohne aromatisierten Zucker, Sanddornsaft, abgeriebener Orangenschale, Cointreau oder Amaretto, Rosenwasser, Lebkuchengewürz, Kakao, Vanillesalz, Tonkabohne, gemahlenen Mandeln, Zimt.

American Cookies (Erste eigene neue Küche)

Das Rezept habe ich auf der Rückseite einer Packung Schokoladen-Tröpfchen gefunden. Hörte sich lecker und einfach an. Ich musste nur alles zusammenrühren, nichts kneten, nichts ausstechen. Klang einfach und entspannt. Die erste Kostprobe dazu in der neu eingebauten und liebevoll eingerichteten Küche war gut. Es war aber noch nicht optimal, auch nicht die Wohnung und einiges mehr. Das Rezept hatte Verbesserungspotenzial, mein Leben ebenfalls. Meine Kollegen fanden diese Kekse richtig toll. Das Rezept bekam einen festen Platz in meiner Weihnachtsbäckerei und später auch Einzug in neue Partnerschaften oder bei neuen Kollegen. Wer kann schon gerösteten Haselnussstückchen, einer Menge Zartbitter-Schokoströpfchen, viel Butter, einem Hauch von Vanillesalz, unraffiniertem Vollrohrzucker, Tonkabohne, Vanille, Amaretto, gemahlenen Haselnüssen, etwas Mehl und viel Liebe widerstehen? Keiner!

Braunhirse-Cookies (Wunderbare Aussicht im Dachgeschoss)

Eine Zeit lang, wollte ich auf glutenhaltige Lebensmittel möglichst verzichten und schauen, ob ich mich damit anders fühlen würde. Backen wollte ich trotzdem noch. Wie kann ich leckere Kuchen oder Kekse backen ohne das die trocken und geschmacklos werden? Eine Weile habe ich experimentiert und dann sind diese wundervollen Cookies in einer Dachgeschosswohnung mit tollem Ausblick über das grüne Leipzig dabei heraus gekommen. Ich sehe mich immer noch in dieser wunderschönen modernen Hochglanzküche stehen und zum dritten Mal über dem Rezept brüten, weil die ersten Versuche zwar geschmacklich toll waren, aber sehr krümelig und trocken geworden sind. Das Eintauchen der Kekse in Schokolade sollte diese damals etwas besser konservieren und zusammenhalten. Viele sind beim Eintauchen immer wieder kaputt gegangen und mussten sofort aufgegessen werden. Ich justierte nach, verringerte die Mengen einiger Zutaten, erhöhte dagegen andere. Eine Teigruhe war ebenfalls extrem wichtig. Jetzt sind es mit Abstand die beliebtesten Kekse von allen geworden und werden immer als erstes aufgegessen. Braunhirse verleiht ihnen einen starken Geschmack, viel Kakao, gemahlene Haselnüsse, Kokosblütenzucker, Butter, Ei, Vanille, Amaretto, Tapiokastärke, Vanillesalz, Zimt, etwas Muskat, Nelke, Koriander, kleine Bitterschokoladenperlen (sind eigentlich für Schokotrunk gedacht) und gute Bitterschokolade zum Eintauchen nach dem Backen. Dieses Jahr wurden ein paar von ihnen mit weißer Schokolade dekoriert. Das fand noch nicht so den Zuspruch. Warten wir mal ab.

Einfacher Spekulatius (Das Ende in Leipzig und neuer Anfang in Berlin)

Huch, das hört sich jetzt aber eher traurig an. Warum backe ich denn dann diese Kekse? Weil sie mir schmecken, darum! Die traurigen Gefühle die beim Aufschlagen des kleinen Rezeptbuches entstehen, knete ich später einfach weg. Der Teig ist widerspenstig und macht es mir schwer. Ich muss mich echt quälen. Das gleicht schon fast einem Workout. Aber es ist gut. Wenn ich ihn bezwungen habe, geht es mir dann besser. Beim Kneten sehe ich viele wunderschöne Momente vor mir aus einer vergangenen Zeit. Ich bin dankbar für vieles, was ich erleben durfte, was ich gelernt habe. Es hat mich, mein Leben, meine Sicht auf einige Dinge verändert. Ein Teil dessen was und wer ich bin verdanke ich meiner letzten Station in Leipzig. Gleichzeitig hat mich dies vorbereitet auf ein neues Leben in Berlin. Ich war offen für etwas Neues, Großartiges und das habe ich wirklich gefunden. Ein happy End – wenn man so will, auch für den Teig, weil er mit ein paar Extras versehen wird: Dinkelmehl, unraffinierter Vollrohrzucker, Zimt, Vanillesalz, Butter, Milch, Nelke, etwas Kardamom, Koriander, Cointreau, Ei, Rosenwasser.

Nach zwei Tagen Backen nähere ich mich dem Endspurt in Form des Dekorierens. Ebenfalls noch mal ein Akt. Am Ende des Tages schmerzen meine Beine und ich kann nichts Süßes mehr ersehen. Meine Hände sind voller Schokolade, alles klebt, den goldenen Glitzerstaub werde ich noch Tage später immer wieder in der Küche finden. Die Kekse müssen ordentlich verpackt werden. Ein Teil geht in einen Handwerksbetrieb zur Motivationssteigerung, ein Teil wird als vorweihnachtlicher, essbarer Gruß an liebe Menschen die weit weg sind versendet. Der andere Teil wird im Advent mit einem schönen grünen Tee oder Espresso genossen.

Ich wünsche euch allen eine schöne Adventszeit, auch wenn es dieses Jahr irgendwie anders ist und vieles fehlt. Das Wichtigste ist immer Gesundheit. Alles andere lässt sich irgendwie regeln.

Also bleibt fröhlich und kreativ!


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