Wochenmarkt Winterfeldtplatz Teil I – Berlin

Wochenmarkt – das hört sich jetzt nicht wirklich sexy an, eher so altbacken, langweilig und analog. Da bezahlen die Leute zu 98% noch mit Bargeld. Sie schleppen sogar ihre Einkäufe selbst nach Hause, einfach so. Das ist altmodisch und kostet viel zu viel Zeit! Außerdem ist es im Winter zu kalt – gefrorenes Gemüse und Hände? Im Sommer ist es zu heiß – vertrocknetes Obst, welke Blumen? Stirbt dieses Format nicht langsam aus in unserer schönen neuen digitalen Welt, wo der Lieferwagen mit den billigen Waren nur einen Klick entfernt ist?

Ich hoffe nicht! Denn dieser Markt hat mehr zu bieten als nur Lebensmittel und die Allmacht des Wetters. Was genau ist das Besondere an diesem Ort?

Eine sehr liebe Kollegin gab mir, der neu Zugezogenen, den Tipp doch mal auf den Markt auf dem Winterfeldtplatz vorbei zu schauen. Der wäre sehr schön. Das ist jetzt vermutlich 1,5 Jahre her und dennoch ist es nach wie vor mein Highlight der Woche. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür.

Am schönsten ist es gleich morgens 08:00 Uhr. Die Stände wurden gerade aufgebaut. Alles liegt noch akkurat geordnet und knackig frisch und in einer unglaublichen Fülle vor einem. Es sind kaum Kunden unterwegs. Alles ist entspannt. Die Verkäufer haben Zeit für einen kleinen Plausch. Das ändert sich natürlich mit voranschreitender Tageszeit, wo sogar Touristen diesen Markt besuchen und es ziemlich voll werden kann.

Mittlerweile habe ich meine bevorzugten Stände. Man kennt sich und freut sich auf das Wiedersehen. Manchmal wird unter der Theke ein kleiner Schatz hervorgezaubert, der eigentlich nicht regulär angeboten wird. Oder es gibt einen dezenten Hinweis auf besondere Leckereien. Oft werden Dinge verkostet. Jeder gute Verkäufer kennt seine Produkte ganz genau, kann viel spannendes dazu erzählen: Woher kommt was, was ist das Besondere, gibt Empfehlungen. Die meisten der Verkäufer sind unglaublich sympathisch, haben sehr viel Spaß daran ihre Waren zu verkaufen, scherzen viel. Oft wird über Alltägliches, den letzten Urlaub, Zukunftspläne oder Restaurants geplaudert. Es ist ungezwungen, locker, herzlich. Man bekommt also viel mehr, als nur Lebensmittel. Hier entstehen auch tolle soziale Kontakte, wenn man es zulässt.

 

Käsestände gibt es einige auf diesem Markt. Mein persönlicher Favorit ist Knippenbergs. Die Auswahl ist riesig. Das Sortiment hebt sich von allen anderen durch seine Vielfalt und sehr speziellen Käsesorten und deren Reifezeiten ab. Es gibt unglaublich viele Sorten Ziegenkäse, sowohl Weich- als auch Hartkäse. Es gibt Käsesorten, die nur zu bestimmten Jahreszeiten angeboten werden. Die Fachkenntnis zu den Produkten ist an diesem Stand unglaublich groß. Man verkostet gern, berät mit sehr viel Leidenschaft. Und was ganz toll ist, sie merken sich die Vorlieben der Kunden und empfehlen treffsicher neue Sorten. Ich würde schon fast behaupten, hier sind die Verkäufer nicht weit entfernt vom Käse-Sommelier. Über diesen besonderen Stand werde ich später noch einmal ausführlicher berichten…

 

Obst und Gemüse ist immer knackig frisch, malerisch drapiert, einfach zum Anbeißen. Es gibt Stände, die nur saisonale sowie regionale Sorten anbieten. Dort habe ich am Anfang oft mit einem Lachen gehört: „Nee, jetzt gibt es doch keinen Spitzkohl/Feldsalat/Zucchini… Ist doch gar nicht die Zeit dafür. Wenn das jetzt jemand anbietet, ist das nicht aus Deutschland“. Ich lerne also immer noch etwas dazu. Neulich habe ich Kohlröschen oder auch Flower Sprouts gekauft. War mir vollkommen unbekannt. Ist aber eine sanfte Kohlsorte mit einem feinen Geschmack. Es handelt sich dabei um eine Kreuzung aus Rosen- und Grünkohl.

Immer mal kommen neue Stände dazu, zum Beispiel neben „meinem“ Gemüsestand ein Wagen, der Brot und süße Küchlein verkauft. An dem war ich lange achtlos vorbei gegangen. Bis der Gemüsehändler sagte: „Bei ihm gibt es die besten Croissants in ganz Berlin“, danach teilte er sein eben erworbenes Croissant mit mir und meiner Begleitung. Das Croissant war tatsächlich sehr gut. Ob es die Besten sind, kann ich nicht beurteilen. Dafür esse ich zu selten Croissants. Das Gebäck und Brot wird aus Frankreich und Italien importiert, vor Ort im Ofen aufgebacken. Von den gerade fertig gebackenen und noch heißen Madeleins haben wir ein ganzes zum Probieren bekommen. Danach kauften wir gleich zwei für den Nachmittag. Die Brotsorten sind interessant und ungewöhnlich: helles Brot mit Walnuss und Honig oder ein großer Brot-Bagel mit leicht scharfen Pepperonis, bestreut mit mediterranen Kräutern, dunkles Brot mit Kümmel… Hier müssen wir noch etwas mehr probieren.

Kartoffeln_2

Es gibt einen Wagen an dem nur Kartoffel und Äpfel verkauft werden. Unglaublich wie viele Sorten Kartoffeln es gibt und wie hübsch diese aufgestapelt werden. Jede Sorte schmeckt anders. Sie sind nicht verwässert, halten relativ lange ohne zu keimen und bleiben knackig frisch. Die Qualität ist ein Traum. Das Wissen, welche Sorte zu welchem Gericht perfekt passt oder allgemein Warenkunde sowie Besonderheiten zu Anbaugebieten wird sehr gern geteilt. Zu jedem Kilo Kartoffeln gibt es eine Zwiebel mit dazu.

Der beste Frischkäsestand ist etwas weiter hinten ein wenig versteckt. Die beiden stets gut gelaunten Mädels verkosten gern, so dass man die für sich beste Sorte herausfinden kann. Sehr empfehlenswert sind die Sorten Rucola oder getrocknete Tomate. Passt als Verfeinerung sogar wunderbar zu Gemüse- oder Nudelgerichten. Die orientalischen Sorten sind beachtlich und geschmacklich angenehm überraschend.

Interessant sind noch die vielen vor Ort zubereiteten kleinen Gerichte, die durch ihren Geruch den Appetit anregen und obendrein wirklich lecker schmecken: Yufka-Teig gefüllt mit Spinat und Fetakäse, Brot mit Raclettekäse, asiatische Gerichte aller Art…

Es ist jeden Samstag ein Erlebnis. Immer gibt es Neues zu entdecken, zu kosten, zu erleben. Welcher online-Einkauf kann das alles bieten? Es kostet möglicherweise mehr Zeit, vielleicht auch mehr Geld. Qualität hat nun mal ihren gerechtfertigten Preis. Aber es ist einfach unglaublich wie lange sich die Waren bei sachgerechter Lagerung zu Hause halten und wie gut alles schmeckt.

Einkaufen kann tatsächlich Spaß machen, genauso wie das Zubereiten und anschließende Genießen.

 

 

Adresse:

Wochenmarkt Winterfeldtplatz

Samstags 08:00 – 16:00 Uhr

Gut erreichbar mit U1, U2, U3, U4 oder M19 bis Nollendorfplatz,

(Parkplätze sind sehr rar)


3 Gedanken zu “Wochenmarkt Winterfeldtplatz Teil I – Berlin

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